Und jedes Mal hatte er den Nagel auf den Kopf getroffen. Sie versuchte, Abwechslung in ihre Geschichten zu bringen. Deswegen baute sie die Story immer wieder neu zusammen. Aber es steckten auch immer ein paar ihrer persönlichen Träume darin.
Und ein wenig Persönlichkeit von ihr in ihren Charakteren. Mit furchteinflößender Treffsicherheit hatte Bruno immer exakt den virtuellen Finger auf diese kleinen Brocken von ihr gelegt. Sie hatte es bald nicht mehr ausgehalten und ihm geantwortet.
Und damit hatte ein Strudel sie ergriffen. Bruno und Alida, die sich im Internet aus einer Laune heraus Mohnblume nannte, hatten sich Mail um Mail geschrieben. Gefangen in einer gegenseitigen Faszination, die Alida als unglaublich berauschend empfunden hatte.
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Er hatte sie inspiriert, mit ihr über ihre Träume gesprochen, ihre Geschichten verschlungen und sich ihr offenbart. Zumindest zu einem gewissen Teil. Sie hatten in einander verwandte Geister gefunden.Beide unzufrieden mit ihrem Leben. Beide gefangen in Beziehungen, die sie nicht erfüllten. Beide voller Träume und Fantasien. Und sie hatten sich blind verstanden. Alida musste manchmal nur einen Halbsatz lesen, um zu wissen, was er sagen wollte.
Ihm ginge es ebenso, hatte er behauptet. Schon bald wusste er mehr von ihr als ihre Eltern, ihr Freund und ihre beste Freundin zusammen. Und ihr Verhältnis wurde unglaublich intim.
Sie betrog ihren Freund mit diesem virtuellen Mann auf sehr viel schrecklichere Weise, als es ein einfacher Seitensprung hätte vollbringen können. Sie schwelgte mit ihm in sexuellen Fantasien, in verheimlichten Emotionen.
Und dann, in einem schwachen Moment, als sie beinahe bereit war ihm zu glauben, dass es zwischen ihnen zu mehr kommen könnte, egal wie unwahrscheinlich das bei einer solchen Bekanntschaft sein mochte, hatte sie ihm Bilder von sich geschickt.
Natürlich hatten sie zuvor schon Bilder ausgetauscht. Passbilder, Schnappschüsse. Doch was sie ihm an jenem Abend schickte, war eigentlich für ihren Freund bestimmt gewesen. Aktbilder. Aufgenommen von einer professionellen Fotografin.
Schamlose Bilder. Bilder, die mehr ihrem tief verborgenen, verdorbenen Ich entsprachen als dem sorgsam kultivierten Bild, dass sie in der Öffentlichkeit zur Schau trug. Ihre Eltern hätten sie wegen solcher Schweinereien verstoßen, ihr Freund sie verlassen, ihre Freunde sich von ihr abgewandt.
Das hatte sie ihm eröffnet. Und er hatte sie nicht enttäuscht, sondern ihr gesagt, dass er die Bilder liebe. Er forderte sie auf damit aufzuhören, immer allen alles recht machen zu wollen.
Sich ihren Eltern zu stellen und ihnen zu sagen, dass sie sich ihre verklemmte Moral sonst wo hinstecken konnten. Ihrem verklemmten Freund den Laufpass zu geben, ihre eifersüchtigen Freundinnen zu vergessen.
Und er hatte sie aufgefordert, sich mit ihm zu treffen. Sie hatte zugestimmt. Am Tag der Begegnung wäre sie vor Aufregung beinahe aus der Haut gefahren. Sie hatte natürlich ihren Eltern nicht die Meinung gesagt, ihren Freund nicht abgeschossen und ihre Freundinnen nicht vor den Kopf gestoßen.
Sie wollte auf Nummer sicher gehen und erst sehen, ob er wirklich so war, wie sie ihn sich erträumte. Viel zu früh war sie am Treffpunkt angelangt und hatte gewartet.
Und auch er war viel zu früh erschienen. Er hatte ausgesehen wie auf seinen Fotos. Nein, besser. Er schien zu glühen vor Aufregung und seine Augen strahlten. Doch Alida konnte sich ihm nicht zeigen.
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Sie wusste, wenn sie voreinander stünden, dann wäre es um sie geschehen. Er würde sie mit diesem Blick fesseln und sie würde mit ihm bis ans Ende der Welt gehen.Sie würde so glücklich sein wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie konnte nicht. Es war zu viel. Es würde nicht gut gehen. Es konnte nicht real sein. Er würde sie zurückweisen.
Oder anders verletzen. Oder es würde gut gehen, aber dann würde er eine andere finden. Oder sie würde sich verlieren, wenn sie sich auf ihn einließe. Sie konnte nicht.
Sie ging. Ließ ihn einfach stehen und warten und lief davon. Er versuchte sie anzurufen, aber sie nahm nicht ab. Er schrieb ihr Mails. Unzählige Mails, aber sie antwortete ihm nicht.
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- Dann hörte es auf und Alida weinte nicht mehr jeden Abend. Sie lief nicht mehr mit rot geäderten Augen herum und ihr Freund verzieh ihr natürlich ihre Phase der Aufgewühltheit.
- Ihre Freundinnen waren nicht nachtragend, dass sie ihnen wochenlang keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte und ihre Eltern waren froh, dass ihr Spätzchen wieder wohlauf war. Ein neues Handy, eine neue Telefonnummer und eine neue Mailadresse ermöglichten ihr einen klaren Neuanfang.
- Und dabei hatte sie doch nur ihr altes Leben wieder zurück. Ihr altes, vertrautes, langweiliges Leben. Sicherheit. Sie weinte nicht mehr oft. Hatte es hinter sich. Schaffte es, den Teil von ihr in sich zu verschließen, der aufschrie, und nicht mehr aufhören wollte zu klagen.
- Keine Erotik-Geschichten mehr. Keine schmutzigen Fantasien mehr. Sie ging sogar zur Beichte und holte sich Absolution für ihre sünden von einem Pfarrer, der sie fast nicht abwertend ansah. Alles war wieder in Ordnung.
Ein einziges Wort nur. Aber sie konnte nicht antworten. Sie sollte es ihm schreiben. Sollte es für immer beenden, aber stattdessen löschte sie die Mail. Als wäre sie nie da gewesen.
Weitere zehn Monate vergingen. Sie konnte Bruno nicht vergessen. Konnte das Bild von ihm auf dem Platz vor dem Café nicht vergessen. Seine strahlenden Augen, die für einen Sekundenbruchteil ihren heimlichen Blick gekreuzt hatten.
Aber sie lebte weiter. Gab dem Drängen ihres Freundes nach und verlobte sich mit ihm. Präsentierte ihren Eltern ihren zukünftigen Ehemann und plante mit ihren Freundinnen ihre Hochzeit. Ohne dabei etwas anderes zu fühlen als Abscheu.
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Ihre beste Freundin war die Einzige, die sich nicht für ihr privates Glück freute. Sie drohte ihr sogar an, die Freundschaft aufzukündigen. "Ich war immer dagegen, dass du dich auf diese Internettypen so sehr einlässt, Alida", sagte sie ihr bei ihrem letzten Telefonat."Aber du hast nicht auf mich gehört. Du musstest es auf die Spitze treiben, und wenn ich dich jemals wirklich glücklich gesehen habe seit unseren Ferien auf dem Bauernhof, weit, weit weg von deinen Eltern, dann kurz, bevor du dich mit ihm treffen wolltest. Und wenn du jetzt von mir erwartest, dass ich die Trauzeugin spiele, während du die ganze Welt belügst, dann hast du dich geschnitten. Das kannst du vergessen. Warum hast du nicht einfach eine Nacht mit dem Freak verbracht? Dann wäre der Zauber weg gewesen und gut. Aber so jagst du doch jetzt für den Rest deines Lebens einem Traum nach. Mensch Alida hast du in der letzten Zeit mal in den Spiegel gesehen? Deine Augen sind tot!".
Verenas Monolog war noch länger gewesen, aber Alida hatte ihr nicht antworten können. Tränen waren ihr über die Wangen gelaufen und sie hatte kein Wort herausbekommen. Erst ganz am Schluss schaffte sie es tonlos hervor zu quetschen: "Du irrst dich. Ich bin glücklich".
"Ach ja?", hatte Verena daraufhin fast geschrien. "Wenn du dir das wirklich einreden willst, ist für mich kein Platz mehr in deinem Leben. Ruf wieder an, wenn du ehrlich drüber reden willst".
Dann hatte sie aufgelegt und Alida hatte nicht zurückgerufen. Das war nun zwei Monate her und seitdem wusste Alida, dass sie nun zu Recht und verdient allein war. Und dann war Anfang der Woche diese Mail gekommen.
Eine Mail ohne sinnvollen Absender mit einem Bild darin. Und mit einer Frage. Das Bild zeigte sie, Alida, wie sie auf einem Podest saß und schamlos die Beine breitmachte.
Eine Hand spreizte ihre Schamlippen, die andere reckte eine ihrer Brüste in die Kamera und ihr Gesichtsausdruck war so lasziv, wie sie es bei ihrer damaligen Fotosession eben hinbekommen hatte.
Die Frage lautete: "Willst du, dass deine Eltern, deine Freundinnen, deine Kommilitonen und dein Verlobter das sehen?" Alidas Herzschlag hatte ausgesetzt. Es gab nur einen Menschen außer der Fotografin, der Zugriff auf dieses Bild haben konnte: Bruno.
Und nun, nach beinahe einem Jahr, wollte er sie erpressen? War er so lange wütend gewesen? Hatte er seinen Hass so lange genährt, bis er sie vernichten wollte? Ihr gesamtes Leben würde in Flammen aufgehen, wenn er dieses Bild veröffentlichen würde.
Alles wäre vergebens gewesen. Mit zitternden Fingern, rasendem Puls und einem sehr flauen Gefühl im Magen antwortete sie ihm: "Was verlangst du?" Seine Antwort war nicht länger als die vorherige Nachricht: "Du wirst tun was ich dir auftrage, wie ich es dir auftrage und wann ich es dir auftrage. Verstanden?".
"Ja", Zu mehr war sie nicht mehr fähig gewesen und es kam auch keine unmittelbare Antwort von ihm.
